Der Spiegelpunkt, ein Aspektsonderfall in der Deutung


Konstruktion von Spiegelpunkten


Die Antiszie ( Gegen-Schatten, altgriech. antiscia ) ist ein Punkt auf dem Tierkreis, der sich in Bezug auf die Achse von 0 Grad Krebs zu 0 Grad Steinbock spiegelt, woher auch die alternative Bezeichnung rührt: Spiegelpunkt. So spiegelt sich 25 Grad Zwillinge in 5 Grad Krebs, oder 21 Grad Fische spiegelt sich in 9 Grad Waage.

Befinden sich Planeten auf Antiszien, so ergibt dies eine aspekt-ähnliche Verbindung.

Es gibt auch die Spiegelung über die Achse von 0 Grad Widder zu 0 Grad Waage. Sie wird '''Gegenantiszie''' genannt.

Die Antiszien bzw. Gegenantiszien sind bereits in der Antike verwendet worden, z. B. von Firmicus Maternus in Matheseos libri octo (Mathesis VIII), Buch II.

 


Astrologische (Be-)Deutung

 

Klassische Astrologie


In der antiken hellenistischen Astrologie wurde zwischen der Wirkung von Antiszien und Gegenantiszien bei der Deutung zunächst nicht unterschieden, sondern nach den beteiligten Planeten und die Häuser und Zeichen, in welche sie gespiegelt wurden; beachtet wurden Konjunktion und Opposition, das Trigon manchmal berücksichtigt ( Firmicus Maternus: ''Die acht Bücher des Wissens''( Matheseos libri octo ). Chiron-Verlag, Tübingen 2008, S. 77 (Buch II, Kapitel 29))

Beiden Arten von Spiegelpunkten selber wurde vermutlich erst ab dem europäischen Mittelalter eine unterschiedliche Wirkung zugesprochen, wobei der Antiszie zwischen den klassischen guten Planeten (also ohne Mars und  Saturn ) z. B. eine Trigon - oder Sextil-Wirkung zugesprochen wurde, der Gegenantiszie jedoch eine Quadrat- oder Oppositions-Wirkung (William Lilly: ''Christliche Astrologie''. Chiron Verlag, Tübingen 2007, S. 114 - 116 ).
Die meisten klassisch arbeitenden Astrologen der Gegenwart erhalten diese Unterscheidungen nicht mehr aufrecht.

 

Moderne Astrologie


Wohl erst seit dem 20. Jh. existiert das heute vielfach verwendete Spiegelpunkt-Quadrat  ( Michael Roscher z. B. in ''Astrologische Aspektlehre''. Knaur, München 1997, S. 16f. ) Frank Glahn arbeitete seit den 1920er Jahren mit den Spiegelpunkt-Quadraten (Glahn: ''Ist Selbstmord zwingend und im Horoskop verankert''?, in ''Zenit'', Februar 1934, Heft 2, S. 59 ), das möglicherweise auf die Hamburger Schule zurückgeht. Frank Glahn wiederum war Schüler von Alfred Witte, dem Initiator der Methodik der Hamburger Schule.

 

Wirkung ähnlich Konjunktion


Die Ansicht der unterschiedlichen Aspektwirkungen der Spiegelpunkte teilen die meisten modernen Astrologen nicht mehr. Allgemein wird den Spiegelpunkten eine der ''Konjunktion'' ähnliche Kraft, Aufgabe und Energie zugeschrieben, wie auch manche Astrologen Spiegelpunkte auf Häuserspitzen beachten, zusätzlich zu denen zwischen zwei Planeten. Zumindest für den Aszendent und MC ist dies auch plausibel, da sonstige andere Aspekte auf beide Horoskoppunkte in der Regel ebenfalls beachtet werden. Beim Spiegelpunkt auf AC oder MC bildet sich automatisch auch ein Spiegelpunkt auf dem DC ( Hausspitze siebtes Haus)  oder IC (Hausspitze viertes hHaus )

Und wie bei der Konjunktion entscheidet der Charakter und die Energie der verbundenen Planeten ganz wesentlich über die Wirkung, nicht unbedingt der Aspekt selber. Ferner macht es Sinn, Zeichen- und Haus-Position zu beachten, ein Stier-Mond im zweiten Haus im Spiegelpunkt zur Stier-Venus auch im zweiten Haus wirkt sich meist wesentlich homogener, fruchtbarer und harmonischer aus im Vergleich zu einem Widder-Mond auf dem AC im Spiegelpunkt zu einer Fische-Venus im zwölften Haus.

 

Beispiel: Saturn/Mond-Spiegelpunkt

Geht man z. B. von einer durch einen Spiegelpunkt unerkannt gebildeten Konjunktionsqualtität aus zwischen Saturn und [[Mond]], so wird die Herausforderung deutlich, die durch Spiegelpunkte z. B. zwischen persönlichen Planeten ( besonders Sonne, Mond, Merkur, Venus und Mars) und überpersönlichen Planeten ( Saturn, Uranus, Neptun und Pluto ) im Geburtshoroskopentstehen ''können''. Die eine Planetenqualiät ist automatisch immer mit der anderen am Spiegelpunkt beteiligten Planetenqualität verbunden.
Verkörpert ein Nativer z. B. im Falle von Saturn und Mond eher die Saturn-Energie in seinem Horoskop, so ist sein distanzierender, objektivierender und gesellschaftlich-überpersönliche Normen, Pflichten und Verantwortlichkeiten verkörpernder Geburtssaturn doch immer mit dem Thema des Wechselhaften, Intuitiven, der persönlich-subjektiven Wahrnehmung, der Suche nach persönlicher, individueller Geborgenheit und Angenommenheit gekoppelt.


*Entweder nimmt der Betroffene seine Saturn-Qualitäten stets auch mit den subjektiv-persönlichen Qualitäten seines Mondes wahr und umgekehrt, so dass er gar nicht unterscheiden kann zwischen beiden ganz unterschiedlichen Qualitäten.
*Oder er erlebt seine Saturn-Qualität immer und eher unbewusst verbunden z. B. mit Personen, die die Mond-Qualitäten verkörpern. Die er dann womöglich in einer Art aussichtlosem Kampf vorwährend disziplinieren möchte und möglichst ganz und dauerhaft aus seinem Leben verdrängen bzw. ihre Bekanntschaft und nähere Begegnung vermeiden möchte. Was natürlich so nicht gelingen kann bei Spiegelpunktverbindungen.

 

Spiegelpunkte als Schattenthema


Eine Anzahl von Astrologen ( Orban, Peter: ''Kursbuch Astrologie''. Hugendubel-Verlag, München 2004, S. 15 ) sieht in den Spiegelpunkten mehr unbewusste Qualitäten und Energien, da sie eben keine offenkundigen Aspekte bilden, sondern mit dem Spiegelpunkt eben einen verdeckten Aspekt eingehen. Entsprechend wird dem Spiegelpunkt eine verdeckte Schattenthematik (nach C. G. Jung ) - und Energie, in Anlehnung an Pluto (Orban) zugerechnet. Durch den nicht offenkundigen Aspekt, der sonst eine Bewusstheitsentwicklung ermöglichen kann, ist es für Native mit Spiegelpunkten im Horoskop schwerer, überhaupt die verdeckte Verbindung zwischen den beteiligten Planeten oder Planet und Thematik der Hausspitze zu erkennen. Peter Orban spricht bei der Qualität von Spiegelpunkten von einem lange Jahre nicht bemerkten Abhängigkeitsverhältnis zwischen z. B. den beteiligten Planeten ( Orban ).

Klaus Wessel schreibt: Der Gegenschatten wird oft als fremd empfunden, als der Eigenperson nicht wesensgemäß erfahren. Der mit dem Werk C.G. Jungs Vertraute wird spätestens an dieser Stelle aufmerken. Auch Jung sprach vom Schatten als immer präsentem, vielfach jedoch geleugnetem Teil der Persönlichkeit. Die Abwehr des Schattens erzeugt Fehlhaltungen und verhängnisvolle Kompensationen und Projektionen. Seine gelungene Integration – und dies bedeutet vor allem Bewusstwerdung – ist Teil der Jungschen Individuation.

Eine eindeutige Zuordnung des Schattenthemas und damit auch der Spiegelpunkte zu einem bestimmten Himmelskörper ist sicher nicht möglich, und soll wohl eher eine hilfsweise Annäherung an die schwer zu fassende Thematik darstellen.


( Quelle: in Anlehnung an AstroWiki )