Die Spiegelpunkte in der Astrologie


Die Spiegelpunkte - oder Antiscien bzw. Gegenantiscien - als spezielle Form eines Aspektes zwischen zwei Planeten im Horoskop, werden in der Astrologie seltener verwendet. Obwohl sie von Zeit zu Zeit durch astrologische Modeströmungen immer wieder mal wichtiger werdenn, lohnt es sich meiner   Erfahrung nach, ständig mit ihnen zu arbeiten. Oft genug sind Horoskope - ob Geburts-, Combin- oder Ereignishoroskope - sind mit zusätzlicher Spiegelpunkt-Deutung einfacher zu verstehen. Hierzu ein Ausflug, mehr in die Praxis, denn in die Theorie...


Ein wenig Geschichte

Astrologiegeschichtlich werden die Spiegelpunkte - oder Antiscien - ausdrücklich und erstmals bei Firmicus Maternus genannt und gedeutet: In seinem Werk Matheseos Libri VIII - immerhin schon im 4. Jahrhundert nach Christus. Im Matheseos Libri VIII erklärt Firmicus Maternus das auffallende Schicksal eines bedeutsamen Römers anhand seines Geburtshoroskops, dem einzigen des Buches(1). Die Antiscia jedenfalls, so die ursprüngliche griechisch-hellenistische Bezeichnung, bedeutet übersetzt „Gegenschatten“. Der Name mutet etwas seltsam an, wird aber vielleicht verständlicher, wenn man sich klar macht, dass die Antiscien in der antiken Astrologie immer von der Achse 0° Krebs/0° Steinbock aus gerechnet wurden, denn die Winter - und Sommer-Sonnenwenden waren früher ursprünglich der Ausgangpunkt der meisten astrologischen Berechnungen und Deutungen. Der Gradabstand eines Planeten zu 0° Krebs oder Steinbock wurde errechnet und symmetrisch als gleicher Gradabstand auf die gegenüber liegenden Seite dieser Achse gespiegelt. Fertig war der Spiegelpunkt, der damit als Schatten oder Gegenschatten eines realen Planeten bezeichnet wurde.

Zum Verständnis dieses Namens hilft auch das Wissen, dass die antike Astrologie scharf danach unterschied, ob Planeten auf der Tagseite sichtbar – oberhalb der Aszendent-Deszendent-Horizontes des Horoskopes – oder auf der Nachtseite – unterhalb des Horoskop-Horizontes – unsichtbar standen. Die untere Hälfte der Tierkreiszeichen eines Horoskopes liegt unter dem Horizont, gewissermaßen im Schatten, und Planeten über dem Horizont, im Licht der Sonne, galten allgemein als besser gestellt, als jene unter dem Horizont. Die Planeten über dem Horizont bilden somit Schattenpunkte oder Spiegelpunkte in die Horoskop-Hälfte unter der Horizontlinie von Hausspitze 1 und 7, zumindest bei den Sommer- und Winter-Sonnenwenden während Sonnenauf- bzw. Sonnenuntergang, wenn zugleich die Horizontlinie des Horoskopes (Aszendent-Deszendent) auf 0° Krebs-Steinbock fällt.

 

Berechnung der Spiegelpunkte über die Krebs/Steinbock-Achse:

1.) Man nimmt den Abstand der Planeten von der 0°-Krebs/0°-Steinbock-Achse. Wenn z. B. Merkur auf 15° Zwillinge steht, so hat Merkur 15° Abstand entlang der Tierkreiszeichenfolge zur Tierkreiszeichen-Position 0° Krebs.

2.) Mit diesem Abstand von 15° bildet man nun im Krebs zur 0°-Position im Krebs einen weiteren Punkt. Richtig, der liegt auf 15° Krebs. Daher spiegelt sozusagen 15° Zwillinge auf 15° Krebs - über die 0°-Achse Krebs/Steinbock. Fertig ist der Spiegelpunkt des Merkurs.

3.) Nun schaut man im Horoskop, ob auf 15° Krebs, eben am Spiegelpunkt des Merkurs, ein Planet steht (es darf auch eine Häuserspitze sein!), Orbis bis ca. 3,5°. Steht dort z. B. der Mond, so spricht man nun von einem Spiegelpunkt Merkur-Mond. Die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle, denn der Mond spiegelt über 0° Krebs genauso auf Merkur wie umgekehrt. Die Stellung wird auch als Spiegelpunkt-Konjunktion bezeichnet. Stände nun der Mond nicht auf 15° Krebs, sondern auf 15° Steinbock, würde es dagegen zu einer Spiegelpunkt-Opposition kommen.

 

 

 

Horoskop mit einem Merkur-Mond-Spiegelpunkt; für die Übersichtlichkeit wurden andere Planeten ausgeblendet

Eine mögliche Quadrat-Stellung, wenn der Mond z. B. auf 15° Waage stände, wurde viele Jahrhunderte nicht berücksichtigt. Bis ins 20. Jahrhundert.

Spiegelpunkt-Berechnung auch über die Widder/Waage-Achse

Wenige Jahrhunderte später wurde eine weitere Art der Spiegelpunkt-Berechnung gefunden, vermutlich erstmalig in der Arabischen Astrologie ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. Diesmal ging man von den 0°-Positionen Widder und Waage - Frühlings- und Herbstpunkt - aus und berechnete den symmetrischen Abstand der Planeten zu beiden Seiten dieser Achse. Hier nun ein Beispiel mit Mars, dem Pionier- und Eroberer-Planet in der Astrologie: Angenommen, Mars stände auf 16° Widder, so würde hier der Abstand 16° zu 0° Widder betragen und der symmetrisch gespiegelte Abstand damit auf 14° Fische fallen. Befindet sich nun dort der Mond, spricht man ebenfalls von einer Spiegelpunkt-Konjunktion, mit den sehr unterschiedlichen Energien des Widders (Widder-Mars) und jenen der Fische (Fische-Mond).

 

 

Mars 16° Widder, Mond auf 14° Fische, eine Spiegelpunkt-Konjunktion; für die Übersichtlichkeit wurde die anderen Planeten ausgeblendet

 

Stände der Mond in diesem Beispiel nun auf 14° Jungfrau, so würde damit wieder eine Spiegelpunkt-Opposition vorliegen. Die Positionen in den Horoskop-Häusern oder -Feldern sind dabei noch gar nicht berücksichtigt, spielen aber natürlich eine bedeutende Rolle, wie später noch anhand von Horoskopbeispielen gezeigt werden wird. Wer bei dieser Beispiel-Konstellation exakt nachrechnet, wird rasch sehen, dass man z. B. den Fische-Mond gleichzeitig auch über die Krebs/Steinbock-Achse (0°) auf 16° Waage spiegeln kann, wo er in Opposition zum Mars auf 16° Widder stände. So wird klar, dass man zugleich eine Spiegelpunkt-Konjunktion wie auch eine Spiegelpunkt-Opposition bekommen kann, wenn man die beteiligten Planeten - Mars und Mond - einmal über Widder/Waage-Achse oder eben über die Krebs/Steinbock-Achse spiegelt. Vielleicht führte dieser Umstand im 20. Jahrhundert zur hilfreichen Sichtweise, nicht mehr zwischen Spiegelpunkt-Konjunktion und -Opposition zu unterscheiden.

 

Die Quadrat-Stellungen bei den Spiegelpunkten

Entsprechend der Überlieferung und vielfachen Praxis werden die Quadrat-Stellungen bei den Spiegelpunkt-Aspekten eigentlich nicht gedeutet. Doch ging man seit Anfang des 20. Jahrhunderts dazu über, auch diese Spiegelpunkt-Aspekte zu berücksichtigen. Frank Glahn war im deutsprachigen Raum wohl der erste, der auch die Spiegelpunkt-Quadrate deutete (2), später - so ca. ab den 1980 Jahren - waren sicherlich die bekannten Astrologen Michael Roscher(3) oder Peter Orban(4) vielfach an dieser Entwicklung beteiligt. Doch manche neuklassische oder sehr traditionellen AstrologInnen lehnen die Spiegelpunkt-Quadrate ab. Meiner Erfahrung nach können auch Spiegelpunkt-Quadrate gedeutet werden, zumindest legen die inhaltlichen Qualitäten dieser Spiegelpunkt-Quadrate dies oft genug nahe. Auch dazu gibt es weiter unten noch Horoskopbeispiele.

Deutung der Spiegelpunkte

Unterschied man bis ins 20. Jahrhundert mehrheitlich nur zwischen Spiegelpunkt-Konjunktion und -Opposition, so deuten heute die Mehrzahl der Spiegelpunkt-Praktiker auch Spiegelpunkt-Quadrate. Doch wirken die unterschiedlichen Spiegelpunkte auch unterschiedlich? Die traditionelle Deutung ging davon aus, dass eine Spiegelpunkt-Konjunktion wie eine Konjunktion oder ein Trigon zu bewerten sei, die Spiegelpunkt-Opposition dagegen sollte wie eine Opposition oder ein Quadrat wirken. Dass der traditionellen Deutung ergänzend z. B. die Zeichenstellung der beteiligten Planeten womöglich erhebliche Auswirkungen haben kann, sei kurz skizziert.

Im Fallbeispiel steht Saturn auf 13,5° Löwe, Mars auf 16,5° Stier:

 

 

Für die Übersichtlichkeit wurde die anderen Planeten ausgeblendet

 

Und das moderne Spiegelpunkt-Quadrat? Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden im deutschsprachigen Bereich die unterschiedlichen Wirkungen jedenfalls nicht weiter behauptet und weitgehend abgelöst von einer einheitlichen Deutung, als eine Art Konjunktion. Über deren Wirkungsstärke gibt es jedoch keine einheitliche Meinung.

Genauso wichtig wurde die moderne Ansicht, im wesentlichen angeregt von der psychologischen Astrologie ab den 1980er Jahren, bei den Spiegelpunkten handele es sich um „Schatten-Themen“ (angelehnt an C.G.Jung). Also um verdrängte Persönlichkeitsanteile, da die Spiegelpunkte ja nicht „sichtbar“ wären, sondern unsichtbare Verbindungen zwischen Planeten herstellten, vor allem wenn diese sonst keine Aspekte zueinander bilden. Ein sehr fruchtbarer Ansatz, wie die astrologische Praxis belegt.  Doch bei dieser Ansicht möchte ich gerne daran erinnern, dass die klassische Projektion, die Auslagerung verdrängter Persönlichkeitsanteile immer noch am klarsten und spürbarsten mit der Opposition-Stellung von Planeten zueinander nachvollziehbar und erfahrbar ist. Ob die Deutung in Richtung Schatten-Verdrängung vertieft oder die Wirkung je nach Art des Spiegelpunkts unterschieden wird, die Zeichen- und Hausstellung der beteiligten Planeten hat vermutlich mindestens genauso Gewicht. Ein Gesichtspunkt, der schon vom oben genannten Firmicus Maternus als essentieller Bestandteil der Wirkung und Deutung der Spiegelpunkte angesprochen wird und der in der modernen Interpretation noch zu wenig berücksichtigt wird.

Ein einfaches Beispiel: Ein Spiegelpunkt zwischen einem Widder-Mars im 1. Haus und einem Fische-Mond im 12. Haus wirkt sich i.d.R. spürbar anders aus, als ein Spiegelpunkt zwischen einem Stier-Mond im 2. Haus und einem Löwe-Mars im 5. Haus. Die Konstellation Widder-Mars Spiegelpunkt Fische-Mond im 12. Haus z. B. hat große Chancen, als Projektion (herausfordernd) er- und gelebt zu werden, im Unterschied zur Konstellation Stier-Mond Spiegelpunkt Löwe-Mars im 5. Haus.
Bei der Arbeit mit Spiegelpunkten werden in Deutung und Beurteilung nicht nur jene Spiegelpunkte zwischen zwei oder mehr Planeten einbezogen, es können auch die Spiegelpunkte auf die Häuserspitzen berechnet und gedeutet werden. Diese Spiegelpunkte sind vermutlich weniger verstehbar und auch weniger leicht in ihrer Wirkung zu deuten, aber gerade deswegen wichtig, besonders wenn der Aszendent, der MC oder der Deszendent (Hausspitze 7) wie der IC (Hausspitze (4) Spiegelpunkte von Planeten erhalten. Dabei wird eine Geburtszeitkorrektur wie das verwendete Häusersystemen sehr wichtig, da beide Faktoren die Position der Häuserspitzen in den Tierkreisgraden selbstverständlich erheblich beeinflussen. Die Spiegelpunkte auf die Häuserspitzen eines Geburtshoroskopes wurden jedenfalls schon in der Antike - z. B. bei Firmicus Maternus - gedeutet(5).

Weitere Deutungsbeispiele

 

Die Wilhelm Gustloff

Ein ebenfalls auffallendes Beispiel negativer Art bildet das Horoskop der Schiffstaufe der Wilhelm Gustloff, einem Prestige-Passagierschiff des NS-Regimes. Die Wilhelm Gustloff wurde 1945 in der Ostsee durch Torpedos sowjetischer U-Boote versenkt. Die Gustloff hatte mehr als 10.000 Menschen an Bord, deutsche Soldaten und überwiegend deutsche Flüchtlinge. Vermutlich 9.000 Personen kamen in der Ostsee um.

Die Schiffstaufe erfolgte am 5.5.1937 um 12 Uhr in Hamburg:

 

 

Für die Übersichtlichkeit wurde manche Planeten ausgeblendet!

 

Die Spiegelpunkt-Opposition zwischen Pluto im Krebs auf Hausspitze 12 und dem Schütze-Mars im 4. Haus ist gut erkennbar, wenn Mars über die 0°-Krebs/Steinbock-Achse gespiegelt wird – übrigens würde nun eine Spiegelpunkt-Konjunktion entstehen, würde man Mars über die 0°-Widder/Waage-Achse spiegeln. Mars-Pluto-Spiegelpunkte sind keine einfachen Energien, da herkömmlicherweise kollektive und höhere Gewalt damit in Verbindung gebracht wird. Auf persönlicher Ebene zeigt er öfter enorme, fast brachiale wie auch selbstschädigende oder riskante Durchsetzungs- und Tatkraft – gerne auch für so genannte überpersönliche Ziele und Ideale - bis hin zur Blindwütigkeit, ob als Opfer erleidend oder als „Täter“ gestaltend.

Bei einer Schiffstaufe geht der Blick u. a. auf die sogenannten Wasserhäuser 4, 8 und 12. Besonders die Hochsee-Schifffahrt wird mit – modern – Neptun und dem 12. Haus in Verbindung gebracht, Beherbergung andererseits meist mit dem 4. Haus und dem Mond. Der Taufe-Mond befindet sich jedenfalls passenderweise in den Fischen, dem klassischen Tierkreiszeichen für Meere und sehr große Gewässer. Das 4. Haus beherbergt nun einen Mars (der klassisch gerne z. B. durch Soldaten verkörpert wird) – und tatsächlich wurde die Gustloff schon mit Kriegsanfang 1939 zum Lazarettschiff für Soldaten umgewidmet. Dass nun Pluto an Spitze 12 im Krebs steht, kann als sehr kritische Konstellation gedeutet werden, als drohendes kollektives und gewaltsames Schicksal, erst recht mit dem Spiegelpunkt zu Mars. Und wenn man Drachen und Ungeheuer früher Menschheitsepochen modern mit Pluto gleichsetzt, so erkennt man ein gewaltsames, kollektives Schicksals durch ein – modernes – Seeungeheuer, jenen sowjetischen U-Booten mit ihren Torpedos. Pluto beherrscht dabei das 4. Haus und steht im Krebs in 12. Ja, die Gustloff war als schwimmendes, riesiges Zuhause konstruiert worden für das offene Meer. Und trug damit aber auch das kollektive, gewaltsame Schicksal schon in sich. Der MC der Taufe steht im Stier, stabil, materiell, sicher und fest. Doch Uranus auf dem MC zeigt immer schon den Bruch in den Strukturen an, die Erschütterung der Sicherheit, den plötzlichen Umsturz und Zusammenbruch der festen Grenzen.

 

Bill Gates

Der Software-Entwickler und eigentliche Chef von Microsoft (Windows-Programme, Office-Programme usw.) gehört inzwischen zu den reichsten Personen der Welt, wie wohl auch der Menschheitsgeschichte. Sein spannendes Geburtshoroskop bietet in Hinsicht auf seinen immensen Wohlstand denn auch einen auffallenden Spiegelpunkt:

 

 

Bill Gates, 28.10.1955, 22h PST, Seattle/USA; für die Übersichtlichkeit wurde manche Planeten ausgeblendet


Großunternehmen, Großprojekte und globale Marketingstrategien sind oft mit eine Pluto-Jupiter-Konstellationen abgebildet. Und persönlicher Wohlstand und Reichtum werden genauso oft im 2. Horoskophaus verankert, die große materielle Expansion und Ausdehnung kann in schöner Regelmäßigkeit mit Jupiter in Verbindung gebracht werden. Im Geburtshoroskop von Bill Gates nun finden wir Jupiter tatsächlich im 2. Haus, kennzeichned für den wohlhabenden US-Amerikaner. Wie schon angemerkt, sind ertragreiche Großunternehmen - und damit auch Großunternehmer - oft mit Jupiter-Pluto-Konstellation versehen. Diese Konstellation verspricht große Zahlen und Summen im Geldbereich. Gates hat eine Jupiter-Pluto-Konjunktion im 2. Haus, Pluto stand Namenspate in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für die Klasse der Superreichen, der so genannten Plutokratie, zu der man Bill Gates getrost zählen kann. Doch Gates Reichtum rührt nicht aus traditioneller, herkömmlicher Industriellen-Tätigkeit, wie es mal früher war im 20. Jahrhundert oder aus Handel oder Bankgeschäften. Sein unwahrscheinlicher Reichtum entstand durch eine sehr moderne Technologie, der Signifikator dafür ist allgemein Uranus, der bereits im 1. Haus des Geburts-Horoskopes von Gate eine starke Stellung einnimmt, wie man in der obigen Horoskop-Grafik gut erkennen kann. Da wir uns mit den Spiegelpunkten beschäftigen, zudem mit der Frage, ob Spiegelpunkt-Quadrate auch wirksam sind, lohnt sich ein genauer Blick auf Gates Uranus-Position. Uranus steht auf ca. 2° Löwe. Spiegelt man Uranus über die Krebs/Steinbock-Achse (0°), so fällt der Spiegelpunkt - sinnigerweise - in den Stier auf 28° und bildet von dort ein genaues Quadrat auf die Pluto-Jupiter-Konjunktion auf rund 28° Löwe.

Wirksam? Angesichts des Umstandes, dass Bill Gates eigentlich mit elektronischen Steuerbefehlen - anderes sind Software-Programme nicht - und der Mikroelektronik doch so überraschend wie unwahrscheinlich reich wurde, scheint das Spiegelpunkt-Quadrat wirksam zu sein. In anderer Perspektive besteht auch kein Zweifel daran, dass die Mikroelektronik zusammen vorallem mit den Software-Programmen eine globale Revolution und Massenbewegung nach sich gezogen haben, wie sie kaum in so kurzer Zeit geschichtlich eine Parallele findet.


Stanislav Grof

Als Pionier ganz anderer Art darf man den in Prag geborenen US-Psychiater Stanislav Grof einschätzen. Bekannt ist Grof für die wesentlich von ihm mitentwickelte sogenannten Transpersonale Psychologie. Sie und die darauf aufbauende Transpersonale Psychotherapie integrierte - neben den klassischen psychologischen und tiefenpsychologischen Konzepten - spirituelle, religiöse wie philosophische Lehren, wie Elemente und Techniken (z. B. schamanische und hypnotische Techniken, bis hin zu initiatischen und körpertherapeutischen Elementen). Grof widmete sich besonders der Erforschung und Erfahrung so genannter außergewöhnlicher Bewusstseinszustände, die er in systematischen Studien zunächst mit psychedelischen Drogen (z. B. LSD) und ab den 1970er Jahren durch das - zusammen mit seiner Frau entwickelte - "holotrope Atmen" hervorrief und untersuchte. Ferner wurde er mit tiefenpsychologischen Thesen zum Einfluss des von ihm postulierten "Geburtstrauma" mit seinen vier Phasen bekannt, dessen unterschiedlich individuellen Ausprägungen nach Grofs Ansicht große Auswirkungen auf das spätere Leben des Einzelnen hat. Bemerkenswert am Psychiater Grof war und ist, dass er selbst die Grenz-Erfahrungen immer auch an sich austestete, ob per LSD oder holotropen Atmen oder sonstigen bewusstseinserweiternden Methoden. Eine erkennbare Furchtlosigkeit zeichnet sowohl ihn wie auch seine Arbeit samt den Veröffentlichungen aus.


Sein Geburtshoroskop hat etliche Spiegelpunkte zu bieten:

 

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  Stanislav Grof, 1.7.1931, 18h50 MET, Prag; für die Übersichtlichkeit wurde manche Planeten ausgeblendet


Vor allem die Spiegelpunkte des Jungfrau-Mars im 8. Haus des Horoskops von Grof sind interessant: Einerseits besteht ein Spiegelpunkt (Quadrat) zwischen Mars und Krebs-Pluto - gut die pionierhafte, risikobereite Furchtlosigkeit Grofs abbildend, der körperlich-mentale wie seelische Grenzerfahrungen bewusst wie geplant und akribisch eingegangen ist - und weiter ein Spiegelpunkt zwischen Mars und Uranus an der Spitze des 4. Hauses, womit sein ebenso unorthodoxes wie modernes, grenzüberschreitendes, interdisziplinäres Handeln und Arbeiten deutlich wird - besonders, wenn es um die interkulturellen seelischen Wurzeln und Frühesterfahrungen geht. Weitere Spiegelpunkte existieren z. B. zwischen seinem Steinbock-Mond an der Spitze des 2. Hauses - die Psychosomatik des Körpers gehört zu Grofs Forschungsgebieten - und Neptun im 8. Haus. Neptun dienst als Weichmacher für den Steinbock-Mond und tiefenpsychlogisches, vorbewusstes Einfallstor (Neptun im 8. Haus) für die körperliche, sensitive Wahrnehmung von seelischen Somatisierungen. Ohne die recht zahlreichen Spiegelpunkte - nicht alle wurden hier genannt bzw. abgebildet - wäre es meiner Erfahrung nach aufwendiger, wenn nicht sogar kaum möglich, die außergewöhnliche Arbeit und ihre Wirkung wie auch die Persönlichkeit Grofs plausibel zu schildern. Auch und gerade beim Geburtshoroskop von Stanislav Grof wird erkennbar, wie einflussreich die Zeichen- wie Hausstellung der Planeten auf die Wirkung der Spiegelpunkte zwischen den Planeten ist.

 


Aussichten

Es liegt nahe, die Komplexität und Vielschichtigkeit der Spiegelpunkte durch die eigene Erfahrung zu vertiefen und zu überprüfen. Gerade die vermutlich komplexere Wirkung und Deutung fordert ein differenzierteres Arbeiten mit ihnen, als sonst öfter in astrologischen Lehrbüchern oder Veröffentlichungen vorgestellt. Derzeit (2011) gibt es noch keine empfehlenswerte deutschsprachige Literatur nur zu Spiegelpunkten (5). Ein beträchtlicher Zugewinn an Deutungstiefe oder nicht selten an Deutungsmöglichkeiten überhaupt, durch die Arbeit mit Spiegelpunkten zwischen Planeten selbst und Planeten und Häuserspitzen, scheint mir hinreichend belegt durch die praktische Erfahrung. Eine weitere Anwendung kann übrigens wiederum die Geburtszeitkorrektur darstellen, denn der kleine Orbis von herkömmlicherweise maximal 3,5 - 4° bei den Spiegelpunkten eignet sich entsprechend für die Achsen bzw. Häuserspitzenkorrektur beim Geburtshoroskop. Diese Arbeit setzt natürlich Vertrautheit mit der Wirkung z. B. eines Uranus im 4. Haus mit Spiegelpunkt auf die Aszendenten-Deszendenten-Achse voraus. Daneben können selbst Spiegelpunkte auf die Zwischenhäuser-Spitzen einträglich gedeutet werden, so meine bisherige Erfahrung. Ein Jupiter-Spiegelpunkt, abhängig von seiner Tierkreiszeichen- und Hausposition, auf Hausspitze 2 eines Geburtshoroskops wird sich recht sicher bemerkbar machen. Ob körperlich oder finanziell.


Anmerkungen:

1) Julius Firmicus Maternus, Die Acht Bücher des Wissens, Chiron Verlag, Tübingen 2008, S. 77 - 82
2) Frank Glahn, Ist Selbstmord zwingend und im Horoskop verankert?, in Zenit, Februar 1934, Heft 2, S. 59
3) Michael Roscher, Astrologische Aspektlehre. Knaur, München 1997, S. 16f
4) Peter Orban, Kursbuch Astrologie. Hugendubel-Verlag, München 2004, S. 15
5) Das schmale Buch von Klaus Wessel, Spiegelpunkte im Horoskop, zeigt sich zu spekulativ und einseitig auf eine zudem noch missverstandene "Schatten"-Thematik ausgerichtet - die wenigen Horoskopbeispiele überzeugen nicht, die Ableitung und Darstellung der Spiegelpunkte z. T. abwegig bzw. irreführend.