Psychologische Astrologie versus Stundenastrologie ?
Diese Streitfrage kann man fast schon als Dauerbrenner in der Astrologie-Szene bezeichnen. Dem leider immer wieder postulierten Statement, die Stundenastrologie sei mit der Psychologischen Astrologie nicht vereinbar, mangelte es schon immer an überzeugenden Argumenten. Deshalb ist es höchste Zeit, endlich die alten Gräben einzuebenen...

Bekannte Vorurteile
Kürzlich brachte ein Astrologie-Kollege die angebliche, alte Feindschaft zwischen der Stundenastrologie und der Psychologischen Astrologie zur Sprache. Es ging um Prognosen und - wie in der Vergangenheit immer mal wieder von Praktikern und Theoretikern beider Seiten behauptet – um die Unvereinbarkeit von stundenastrologischem Modell und moderner, psychologischer Horoskopdeutung. Tatsächlich ist gelegentlich immer wieder mal zu hören oder zu lesen, dass die Stundenastrologie mit einem fast gänzlich fatalistischen oder deterministischen Prognosehorizont arbeiten würde oder umgekehrt, aus der Ecke der Stundenastrologen wurde/wird die Meinung vertreten, die Deutungen aus dem Bereich der psychologischen oder modernen Astrologie seien zu beliebig und konkreten Prognose schon gar nicht möglich.
Alte Fronten
Beide Positionen werden schon seit langen Jahrzehnten vertreten. Besonders seit der großen Verbreitung psychologischer Deutungsansätze in den Anfängen der 1980er Jahre, die heute in der deutschsprachigen Astrologie fast schon Allgemeingut sind, und der Renaissance der Stundenastrologie im deutschsprachigen Raum, seit Anfang der 1990er Jahre. Die Diskussion von Seiten der Stundenastrologie wurde z. B. von Eric van Slooten, dem bekannten Vertreter der Stundenastrologie, angeregt. Die vertiefte Hinwendung mancher deutschsprachiger Astrologen, Astrologinnen und Interessierter zur so genannten Traditionellen oder Klassischen Stundenastrologie seit etwa 2006, auch mit Eric van Slooten, führte daneben teilweise zu einer klaren Bejahung eben jenes Determinismus. Und manchmal auch zu einer fühl- und nachlesbaren Aversion gegen die Psychologische Astrologie.
Diese, zumindest im deutsprachigen Bereich, scheinbare Unvereinbarkeit von Stundenastrologie und moderner oder psychologischer Astrologie, entspricht aber kaum den vielschichtigeren Wirklichkeiten in der Astrologie-Szene. Karen Hamager-Zondag z.B., die bekannte niederländische Astrologin, die seit Anfang der 1980er Jahre auch im deutschsprachigen Raum zunehmend an Profil gewann, wurde sowohl als Stundenastrologin als auch als Psychologische Astrologin - vor allem der Jungianischen Richtung - bekannt und einflussreich. Dies scheint nur wenigen aufgefallen zu sein, zumindest nicht jenen, die immer noch von der Unvereinbarkeit beider Methoden überzeugt sind. 2009 endlich, veröffentlichte Mona Riegger, eine deutsche Astrologin mit deutlich psychologischer Ausrichtung, ein Buch zur Stundenastrologie. Sie beschreibt und lehrt darin eine „moderne Stundenastrologie“, mit ausgeprägten, oft verblüffend zutreffenden, psychologischen (Moment-)Beschreibungen. Die Treffsicherheit der Prognose zur gestellten Frage, bleibt unverkennbar erhalten.
Theoretiker auf dem Kriegspfad
Vor allem aus theoretischen Überlegungen heraus scheint die Stundenastrologie auch weiterhin als deterministisch betrachtet werden zu wollen. Vermutlich, weil eine stundenastrologische Frage zunächst mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. Diese Schwarz-Weiß-Antworten sind es vermutlich, die sowohl abstrakte, wie konkrete Vorbehalte hervorrufen. Doch stundenastrologische Praktiker wissen, dass Prognosen einerseits selten ausschließlich nur mit einem schlichten Ja oder Nein in den Raum gestellt werden, andererseits trifft auch die Psychologische Astrologie Prognosen für die Zukunft – nur eben weniger konkret als vielmehr auf die innere Entwicklung des Klienten bezogen.
Diese symbolisch abgebildete, innere Erlebniswelt oder Entwicklung - z. B. für ein neues Lebensjahr des Ratsuchenden, dargestellt vielleicht durch ein Solar, - kann durchaus gewisse Hoffnungen des Betreffenden verneinen oder bejahen. Fragt jemand während einer astrologischen Beratung nach einem gewünschten Umzug in den nächsten drei Monaten, so wird man auch als psychologischer Astrologe recht gut erkennen können, ob ein entsprechend begleitendes, inneres Erleben in diesem Zeitraum auftritt. Oder eben auch nicht! Und damit kann auch mit der Psychologischen Astrologie eine einigermaßen klare Antwort gegeben werden.
Und würde jemand fragen, ob sein gestern abgegebener Lottoschein den Jackpot gewinnt, so würde wahrscheinlich jeder kompetente Astrologe, welcher Schule und Richtung auch immer, eine einigermaßen klare Antwort geben können, ohne wegen dieser Antwort als Vertreter einer deterministischen Astrologie-Richtungen zu gelten.
Neue Wege aus der Sackgasse
Das stundenastrologische Fragehoroskop ist meiner Meinung nach ein hochspezialisiertes Horoskop, maßgeschneidert für nur diese eine fragende Person, zu einem für sie ganz speziellen Fragezeitpunkt. Und darin liegt die einmalige Aussagekraft eines Stundenhoroskops nicht in seiner vermeintlich oder tatsächlichen schicksalshaften Ausrichtung oder seiner antiken, deterministischen Herkunft. Viele der präzis gestellten Fragen eines Ratsuchenden könnten sicherlich auch anhand der Transite, der Lunare oder Solare, bis hin zu den Sekundär- und Tertiärprogressionen zum Geburtshoroskop, recht gut beantwortet werden. Und wahrscheinlich auch mit einem Ja oder Nein. Der Aufwand ist jedoch ein ungleich größerer, die Fehlerquote vielleicht merklich höher.
Ich selbst, wie auch vermutlich die Mehrheit der Stundenastrologen, betrachte bei bedeutsamen Problemstellungen und Fragen immer auch das Geburtshoroskop des Fragestellers. Wenn es z. B. um ernsthafte Erkrankungen geht, um erhoffte neue Arbeitsstellen oder um eine Geschäftseröffnung, bis hin zu einer langen Auslandsreise, sind Antworten auch im Geburtshoroskop sichtbar, wenn auch vielleicht nicht so schnell und eindeutig erkennbar.
Praktische Erfahrungen mit dem Stundenhoroskop
Hierzu ein typisches Beispiel aus meiner Praxis: Eine Klientin, kurz vor der Rente, ist seit zwei Jahren arbeitslos. Sehr qualifiziert und ausgesprochen leistungsfähig wie arbeitsfixiert, sehnt sie sich – trotz höherem Lebensalter - nach einer möglichst adäquaten Arbeitsstelle. Ihre Transite versprechen diesbezüglich - zumindest für die nächsten Monate - jedoch keine positiven Entwicklungen, was ich ihr aufzeige, um gleichzeitig – in einer weiteren Beratungseinheit - Alternativen mit ihr zu entwickeln.
Zur dieser Beratung kommt sie dann erstaunlich euphorisch. Ihr Arbeitsamt-Coach hatte eine wie für sie maßgeschneiderte Stelle gefunden, die noch nicht ausgeschrieben war, praktisch wie für sie reserviert. Überrascht stelle ich die Frage, ob die Klientin diese Stelle erhalten würde. Das Fragehoroskop (Klientin = 7. Haus) sah folgendermaßen aus:

Wird Frau K. diese Stelle bekommen? Karlsruhe, 14.1.2010, 14h36 MEZ (Ohne Aspekte, da Stundenhoroskop)
Gut erkennbar, ist die Antwort des Fragehoroskops, dass die Klientin die Stelle leider nicht bekommen wird. Schon allein die Neumond-Konstellation - der Mond also kurz vor der Konjunktion mit der Sonne, mit Mond zudem schwach gestellt im Exil im Steinbock - macht deutlich, dass im Moment kein Neuanfang zu erwarten ist. Bei dieser Konstellation gehen die Dinge und derzeitigen Entwicklungen eher einem Ende zu, als dass etwas Neues beginnt.
Die Situation im Geburtshoroskop
Nicht weniger plausibel und zutreffend hätte man dies aber auch anhand der Transite zu ihrem Geburtshoroskop ersehen können. Der Einfachheit halber lege ich hierzu das Fragehoroskop (außen) über das Geburtshoroskop (innen) und betrachte die Interaspekte:
:

Geburtsdaten aus Diskretionsgründen nicht angegeben; vergrößerte Grafik, im Außenkreis Chiron nicht angegeben
Der transitierende Steinbock-Pluto im 10. Haus des Geburtshoroskopes, nahe am MC, zeigt - hinsichtlich der Thematik Beruf, Arbeit und Karriere sowie der weiteren Lebensentwicklung - eine schwierigere und langwierigere Transformationsenergie an, bei der der bisherige Weg so nicht weiter beschritten werden kann. Auch, weil der Radix-Pluto im Geburtshoroskop im Arbeitshaus 6 steht. Das Trigon des Transit-Plutos auf den Radix-Saturn im 6. Haus, der wiederum das 10. Haus der Klientin beherrscht, verdeutlicht um ein Weiteres, dass in den nächsten Monaten keine zügigen Neuerungen oder Erneuerungen, bzw. großartige, neue Chancen am Arbeitsmarkt zu erwarten sind.
Ganz fern einer ereignisorientierten Deutung, ermöglicht hier die psychologisch orientierte Astrologie, mit Blick auf die seelischen Entwicklungen in den nächsten Monaten, bedeutsame Aussagen. Parallel zum Pluto-Transit, mit seinem mehrfach wiederkehrenden Trigon zum Geburts-Saturn, brachte ihr das Jahr 2010 daher keine neuen Chancen im alten Beruf.
Seelische Öffnungen
Dieser seelisch oft bedrückenden, ja schweren Zeit, aufgrund der äußeren, beruflichen und gesellschaftlichen Stagnation, stand eine fühlbare innerseelische, ganz verborgene und stille, „kosmische“ Öffnung gegenüber. Skizziert durch den Transit-Jupiter im 12. Haus, im Trigon zu Radix-Merkur und Radix-Uranus an der Spitze des 4. Hauses. In verblüffender und geradezu berührender Weise, begann sie gleichzeitig ihr teilweise wurzelloses wie kämpferisches Leben, ihre Vergangenheit und ihre etwas brüchige Existenz zu reflektieren und brachte diese Einsichten zu Papier. Tatsächlich stand ja schon im Fragehoroskop Jupiter, als Signifikator für die Klientin in ihrem 4. Haus, Neptun sogar an der Spitze des 4. Hauses.
Und so wird nochmals deutlich, wie stark das Fragehoroskop die Fragestellerin und ihre konkrete wie seelische Lebenslage abbildete, was selbstverständlich auch auf astro-psychologische Weise ergiebig deutbar war. Die erkennbaren Unterschiede zwischen Stundenastrologie einerseits und psychologisch-moderner Geburtshoroskopdeutung andererseits, haben vor allem methodische Gründe, aus denen – fälschlicherweise – gelegentlich theoretische Fundamental-Gegensätze destilliert werden. Dennoch können sich beide Deutungsweisen in der praktischen Arbeit, wie oben dargelegt, stets und vielfältig gegenseitig befruchten und ergänzen.