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Die Astrologie und C.G. Jung

Im Juni 2011 war es 50 Jahre her, dass der Züricher Psychiater und Psychotherapeut Carl Gustav Jung verstorben ist.

Das Geburtshoroskop von Carl Gustav Jung und einige Anmerkungen zu seinem Leben, seiner Psychologie und seiner Bedeutung für die Astrologie wie Horoskopdeutung.


C.G. Jung 1875 - 1961


Im Juni 2011 ist es 50 Jahre her, dass der Züricher Psychiater und Psychotherapeut Carl Gustav Jung verstorben ist. Der 1875 geborene, protestantische Pfarrerssohn hat mit seinem tiefenpsychologischen Werk die sogenannte "Psychologische Astrologie" erheblich mitgeprägt. C.G. Jung, der sich mit der Astrologie soweit auskannte, dass er z. B. in den 1950er Jahren drei Testreihen mit Dutzenden von Geburtshoroskopen durchführte und veröffentlichte, um die statistische Stichhaltigkeit astrologischer Aussagen zu überprüfen (1), wirkte primär nicht als Astrologe in der Astrologie, sondern schuf Begriffe und ihre inhaltlichen Beschreibungen, die sich in die Geburtshoroskop-Deutung fruchtbar integrieren ließen. Wer kennt nicht die Begriffe Animus/Anima oder den berühmten Schatten? Wer hat nicht schon die Persona oder die Individuation in seine psychologische Horoskopdeutung einfließen lassen, ganz zu schweigen von der sogenannten Archetypen-Lehre?

So wichtig die geistigen Schöpfungen Jungs für die Astrologie, für die Psychologische Astrologie, geworden sind, ein Blick auf sein Leben, erst recht auf sein Geburtshoroskop bringt uns die Persönlichkeit Jungs noch etwas näher. Und verdeutlicht vielleicht besser, in welchem Zusammenhang seine Persönlichkeit, sein Geburtshoroskop, mit seinen Theorien und Hypothesen stehen könnten.

Jung wurde am 26. Juli 1875 um 19.20 Uhr LMT in Kesswil/Schweiz, nahe dem Bodensee, geboren:

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Carl Gustav Jung, 26.7.1875, 19h20 LMT, Kesswil /CH.(2)

Hatte Jungs Horoskop tatsächlich einen Steinbock-Aszendenten? Oder doch eher einen Wassermann-AC? Dies wird gerne unter Astrologen diskutiert, anbetrachts der ungewöhnlichen Persönlichkeit C.G. Jungs, die sich kaum mit einem herkömmlichen Steinbock-Aszendenten in Verbindung bringen lässt. Dabei wird gerne übersehen, dass Jungs Aszendentenherrscher Saturn im Wassermann und im 1. Haus steht. Dies wiederum korrespondiert durchaus mit der eigenwilligen Persönlichkeit und Unbeirrbarkeit Jungs. Zudem bleibt - durch den eingeschlossenen Wassermann im 1. Haus - Uranus ja Mitherrscher des 1. Hauses! Dies gilt es zu beachten, obwohl auch schon Saturn im Wassermann steht und somit eine "uranische Färbung" mit sich bringt. Ein handfestes Indiz für Jungs starke Steinbock-Prägung ist nicht zuletzt der trutzig wirkende Wohnturm in Bollingen am Zürichsee, den er aus selbst behauenen Steinquadern, über Jahre, nein Jahrzehnte hinweg, mit großer Ausdauer und Geduld von eigener Hand baute. Dies einmal ganz abgesehen vom überaus prägenden und nachhaltigen Einfluss C.G. Jungs in Psychologie, Psychotherapie und nicht zuletzt auch in der Astrologie.

Desweiteren gibt es in seinem Geburtshoroskop mehrere stark stehende Planeten, die jeweils im Tierkreiszeichen entweder ihr Domizil oder ihre Erhöhung haben. Diese wären:

- Saturn im Wassermann (Domizil)
- Sonne im Löwen (Domizil)
- Mond im Stier (Erhöhung)


 

Lebensschlaglichter

Jungs Vater war protestantischer Dorfpfarrer, den Überlieferungen nach jedoch eher unglücklich mit sich und seinem Gottesglauben. Er starb, als C.G. Jung 1895 sein Medizinstudium begann. Im Hinblick auf Jungs Radix wurde er durch seinen Vater eher weniger geprägt.

Wir finden C.G. Jung zunächst als typischen Löwe-Solitär. Die ersten neun Lebensjahre zumindest, bis seine Schwester geboren wurde. Dass Jungs Sonne eingeschlossen im 7. Haus steht, deutet schon an, dass sein Vater sich nicht gut entfalten konnte oder dass er zumindest keine stark prägende Kraft in Jungs Leben war. Dass die Geburts-Sonne zudem ein exaktes Quadrat zu Neptun wirft, zeigt den oftmals abwesenden oder schwachen/geschwächten Vater. Sonne-Neptun kann jedoch genauso den religiösen Vater symbolisieren. Beides trifft bei Jung zu.
Seine Mutter dagegen war mit Jung wesentlich stärker seelisch und konkret verbunden. Formend, körperlich präsent und liebend bis gemütlich, Konventionen vertretend - der Geburts-Mond steht stark im Stier. Und doch erlebt er sie auch als "gespaltene Persönlichkeit", unzuverlässig, mit einem anderen Ich sich selbst und ihre Konventionen relativierend, daher auch unheimlich oder ruchlos. Längere Zeit verbindet er Weiblichkeit mit "natürlicher Unzuverlässigkeit und Ohnmacht"(3) - der Geburtsmond bildet ein exaktes Quadrat zum Löwe-Uranus im 7. Haus.

Väterlicher- wie mütterlicherseits stammt Jung aus alten Basler Familien, teils universitäre Gelehrte, teils Pfarrer, beides am Waage-Jupiter im 8. Haus (die weitere Familie, die Sippe, das Erbe) sichtbar, der im Trigon zum Saturn steht. Jung, kein Zweifel, übersprang eine Eltern und bewegte sich wesentlich mehr auf den Pfaden seiner Großeltern und Vorfahren, denn auf jenen seiner Eltern. So fand Jung, über seine Heirat mit Emma Rauschenberg 1903, auch wieder zu Wohlstand, im Gegensatz zu seinen Eltern. Auch mit der wohlhabenden Ehefrau - die später mit ihrem Erbe wesentlich zu Jungs Unabhängigkeit und zeitweiligem Rückzugsvermögen beitrug - kann Jupiter im 8. Haus in Zusammenhang gebracht werden.

Über die mütterliche Linie - seine Mutter hatte das sogenannte "Zweite Gesicht" - kam Jung früh in Kontakt mit dem damaligen Okkultismus vor und um 1900. Seancen - "Geisterbeschwörungen" - wurden in der Verwandtschaft abgehalten, an denen auch Jung teilnahm. Genauso wurden Geschichten von Geisterscheinungen in der mütterlichen Verwandtschaft tradiert, Erlebnisse von Ahnenerscheinungen weitererzählt. Wer sucht, findet in einer weiten Konjunktion des Stier-Mondes mit Pluto die astrologische Entsprechung.
Die Einheirat in eine wohlhabende Industriellen-Familie war ein Glücksfall für C.G. Jung, denn einerseits erlaubten Emma Jungs finanzielle Mittel ein relativ sorgenfreies Leben, wie auch Jung sich später nur in Grenzen unmittelbar mit der Frage ausreichender Einnahmen, durch reguläre Berufstätigkeit, befassen musste.



C.G. Jung und die Frauen

Überhaupt, die Frauen! Von beeindruckender Statur und geistiger Regheit, hatte Jung vor allem viele weibliche Anhänger und Nachfolgerinnen. Sein langjähriges Verhältnis mit Antonia (Toni) Wolff, zunächst seine Patientin, später seine Assistentin und "offizielle Zweitfrau", lief parallel zu seiner Ehe; die Liebschaft mit Sabina Spielrein ab 1905, anfangs ebenfalls Patientin, wurde mit Hilfe Sigmund Freuds - damals Jungs tiefenpsychologischer Ziehvater - vertuscht. Emma Jung dagegen managte den Alltag der Familie und hielt ihm weitestgehend den Rücken frei. Auch blieb sie seine Ehefrau, trotz Kenntnis seiner parallelen Beziehungen, zumindest der zu Toni Wolff.

Der Blick hierzu ins Geburtshoroskop von Jung zeigt, dass der Geburts-Mond zwar stark steht, aber im 3. Haus. Also nicht zentral im Leben und als solitäre Horoskopgröße, mehr als intellektuelle Kraft (Mond zudem im Spiegelpunkt zu Uranus im 7. Haus) und nach außen gezeigte Rolle (typisch fürs 3., 6. oder 9. Haus). Nicht anders die Venus, sie "dient" im 6. Haus, kümmert sich um Alltag und Familie (Krebs-Venus), hier erkennt man gut u.a. die Rolle von Emma Jung. Wiederum hatte Jung ansonsten eine Löwe-Sonne und entsprach mit den parallelen Liebschaften doch recht gut dem überlieferten Löwe-Handeln. Seine vermeintlichen und echten patriarchalischen Verhaltensweisen boten den späteren Generationen von unabhängigen, selbstbewussten wie emanzipierten Frauen dann auch genug Anlass zur Kritik. Eine typische, patriarchale Löwe-Betonung fand bei ihnen natürlich wenig Verständnis. Die "Rache des Weiblichen" ist meiner Meinung nach ebenfalls im Geburtshoroskop von C.G. Jung verankert: Seine Löwe-Sonne steht eingeschlossen im 7. Haus, welches vom Mond beherrscht wird. Es waren vor allem die Frauen, die seine geistigen Produkte rezipierten, verbreiteten und ihm assistierten, nicht nur bei allen Publikationen und Veröffentlichungen (siehe Mond im 3. Haus). Der Mond, als Herrscher des 7. Hauses, dem die Partnerschaften zugeordnet werden, steht im Stier, im klassischen "Materie"-Zeichen.

Jung, der 1905 mit 30 Jahren habilitiert wurde und sich damals schon in der Psychiatrie, bzw. Tiefenspychologie, einen Namen geschaffen hatte, widmete sich ab 1913 - nach dem endgültigen Bruch mit Freud, der seelisch eine tiefe Zäsur hervorrief - nur noch seiner Privatpraxis als Therapeut und Analytiker in Zürich. 1913 bis 1919 etwa lebte Jung in einem schwierigen wie langwierigen inneren Transformationsprozess. Er stellte sich dem Unbewussten und dessen Bilderflut, die ihn an den Rand einer Psychose brachte. Jung ging durch eine Individuationsphase, würde man mit der Analytischen Psychologie sagen. In jenen Jahren wurde die Basis gelegt für die spätere Analytische oder Komplexe Psychologie, die er nach 1920 vertiefte und entwickelte. Begleitet von etlichen, längeren Weltreisen, beschäftigte sich Jung weiterhin intensiv mit einem ungewöhnlich breiten Spektrum von Philosophien, Mythen und Sagen aller Art und aller Zeiten, mit Lebens- und Weisheitslehren, wie der Gnosis, mit der Alchemie und den Wandlungssymbolen auf der ganzen Welt. Er arbeitete u.a. mit dem Sinologen Richard Wilhelm und dem Indologen Heinrich Zimmer zusammen.

1922 begann Jung - wie schon erwähnt - mit dem Bau des bekannten Bollinger Turmes. Er behaute und mauerte eigenhändig die massiven Mauersteine und vollendet erst 1955 - dem Todesjahr seiner Ehefrau Emma - den Bau, der weder fließend Wasser noch Elektrizität bot. Im Bollinger Turm verortete Jung das "Uralte", welches schon immer Teil seiner selbst gewesen sei (4).

Als Jung am 6. Juno 1961 - fast 86-jährig - stirbt, ähnelt er - zumindest im Bild der Öffentlichkeit und wohl auch seinem eigenen Bild von sich - dem inneren, uralten Weisen, den er schon seit Jugendzeiten als Persönlichkeit Nr. 2 bei sich wahrgenommen hatte, neben der Persönlichkeit Nr. 1., der bewussten Persönlichkeit, die im Außen erfolgreich agiert. Im Geburtshoroskop wird man den alten, inneren Weisen in Jungs Wassermann-Saturn im 1. Haus - als Aszendentenherrscher - erkennen können. Die Persönlichkeit Nr. 1 wiederum wohl eher in der Löwe-Sonne im 7. Haus.

Zentrale Begriffe für die Astrologie

Jungs geistiges und seelisches Schaffen hat die moderne, mithin die Psychologische Astrologie erheblich beeinflusst. Im deutschsprachigen Raum wurde dies vor allem ab den späten 1970er Jahren sichtbar. Esoterisches Denken wie die Psychologische Astrologie, verbreitete sich sehr rasch, vielfach mit zentralen Begriffen und Axiomen der Komplexen Psychologie ausgestattet oder von ihnen angeregt. Doch selbst ältere Astrologen-Generationen wurden vielfach von Jungs Arbeiten mitgeprägt. Thomas Ring z. B. oder Reinhold Ebertin kann man anführen, bis hin zu Erich Carl Kühr und seiner Psychologischen Astrologie, selbst Wolfgang Döbereiner gehört hierher.

Die wichtigsten Jung'schen Begriffe für die Astrologie sind wohl folgende:

Animus/Anima

Archetypen

Persona

Individuation

Schatten

Synchronizität



 

Animus /Anima sind, besonders in der Partnerschaftsastrologie häufiger verwendete Begriffe, bei denen es um die Beziehung zum anderen Geschlecht geht (5). Animus meint dabei unser inneres Suchbild bzw. Seelenbild (6), den inneren Archetypus des (jungen) Mannes, Anima entsprechend das innere Suchbild, den inneren Archetyp der (jungen) Frau. Und der fällt natürlich deutlich unterschiedlich in den jeweiligen Geburtshoroskopen aus. Animus wird meist - etwas verkürzt - nur mit dem Geburts-Mars identifiziert, jdeoch zudem auch von der Sonne abgebildet. Die Geburts-Venus verkörpert - neben dem Geburts-Mond - dagegen die Anima in uns. Eine Widder-Venus im Geburts-Horoskop eines Mannes bildet eine wesentlich andere Anima ab, als z.B. eine Fische-Venus. Zwei sehr verschiedene Archetypen sprechen ebenso verschiedene Frauentypen an. Spannend wird die Partnerschaftsastrologie, wenn z. B. der Geburts-Mars einer Frau auch nicht nur ansatzweise mit der Geburts-Sonne korrespondiert. Ein Widder-Mars verkörpert den Archetyp des jungen, rücksichtslosen Draufgängers, des Raubritters. Eine Krebs-Sonne dagegen den Archetyp des Familienvaters. Mitunter wird es einer Frau und Partnerin mit Widder-Mars und Krebs-Sonne im Horoskop, vielleicht nicht ganz gelingen, den realen Mann jenseits ihres eigenen Animus-Archetyp wahr zunehmen.
Zu beachten bleibt also bei der Gesamtdeutung, ob z. B. Venus und Mond sich ergänzende Anima-Archetypen abbilden, genauso Mars und Sonne. Die Hauspositionen der Planeten sind übrigens von einiger Bedeutung für die Animus-/Anima-Bilder.

Anima-Archetypen sind z. B. die Geliebte, die Hure, das schlichte Gänschen (7), die Jungfrau.
Animus-Archetypen sind z.B. der Raubritter, der Krieger, Pan oder Apollo.


Archetypen finden in Zuordnungen zu den einzelnen Tierkreiszeichen und Planeten vor allem in der Psychologischen Astrologie ihren Niederschlag. Gemeint sind sogenannte Urbilder aus dem kollektiven Unbewussten, die in jedem Menschen als unbewusste, prägende wie psychisch vorstrukturierende Vorstellungsmuster vorhanden sind, auf die das persönliche Bewusstsein eigentlich erst aufbaut.
Eine starke Widder-Betonung z. B. kann mit einem "kriegerischen" Verhalten korrespondieren, jener Widder-Mars mit dem inneren Bild des Raubritters, die Sonne allgemein mit dem König, dem Patriarchen, Mars mit dem Sohn des Patriarchen oder die Venus allgemein mit einer jungen, sinnlichen Frau, eine Jungfrau-Venus andererseits eben mit einer sich zierenden, leicht spröden und noch "unschuldigen" Jungfrau. Die Archetypenlehre wirkte sich unter anderem ungemein fruchtbar auf die Entwicklung der Psychologischen Astrologie aus. Hier wurde vor allem die bekannte Astrologin Liz Greene prägend. Im deutschsprachigen Raum schuf der Frankfurter Astrologe und Psychotherapeut Peter Orban, auf Basis der Archetypen-Theorie, sowohl ein neues astrologisch-symbolisches Kartenspiel - die Symbolon-Karten - wie zudem eine neue astrologische Horoskop-Art, die sogenannten Personare. Dies sind speziell berechnete Horoskope für die einzelnen Geburts-Planeten und die vermuteten Archetypen im Leben jedes Einzelnen.


Die Persona im im Leben des Einzelnen zeigt sozusagen die Maske, die Oberfläche oder das Konterfei nach Außen und bildet damit eine "Ich-Hülle". Sie ist Teil der "Kollektivpsyche" und damit zuständig für die gewünschte oder erwünschte gesellschaftliche (Berufs-)Rolle, für die mehr oder weniger gelungene - idealerweise kritische - Anpassung, die man einnimmt in der Standard-Beziehung zu Mitmenschen. Mit der Persona verbunden sind die anerkannten üblichen, herkömmlichen Werte wie Sitten und Normen, zur Gesellschaft, im Beruf und am Arbeitsplatz, sie bildet damit die Brücke und den Bezug zur Außenwelt. Jung nennt die Persona auch als Maske, wo jene das wahre Gesicht, den eigentlichen Charakter verdeckt[8]. Die Theorie der Persona fand weniger Eingang in die moderne Astrologie ab dem 20. Jahrhundert, spiegelt aber im heutigen - psychologischen - Verständnis sichtlich gut die Funktion des sechsten Horoskop-Hauses wieder oder einer Jungfrau-Prägung, teilweise auch des 10. Hauses oder einer Steinbock-Prägung. Kurioserweise hat der bekannte Astrologe Thomas Ring den Horoskop-Aszendenten mit der Persona, der Maske, in Zusammenhang gebracht und damit etliche spätere Astrologinnen und Astrologen wie teilweise die zeitgenössische Horoskopdeutung bis in die 1990er Jahre geprägt.

Unter Individuation versteht man etwa den lebenslangen Weg des Einzelnen zur integrierten Persönlichkeit, die durch Wandlungsprozesse allmählich die Schatten-Anteile integriert oder die Gegensätze in sich - durchaus spannungsreich und dynamisch - eint, teils dabei sich - erfolgreich - an kollektive Normen anpasst bei aller Individualität (9). Die Kurz-Definition bereits allein spricht dafür, dass vermutlich die positive wie kreativ-spannungsreiche selbst gelebte Palette aller Horoskopfaktoren im Laufe des Lebensprozesses die individuierte Persönlichkeit, das "Selbst" ausmacht. Diese Komplexität war und ist mit ein Grund, dass dieses Konzept ein weniger deutlich erkennbarer Teil der modernen oder Psychologischen Astrologie wurde, als sie tatsächlich ist. Die "Konvertierung" - überhaupt Bewusstwerdung -problematischer, sehr unbewusst gelebter oder erlebter und erlittener Horoskopkonstellationen bleibt eine lebenslange Übung, wohl verbunden mit Erfahrung, geistigen und seelischen Wachstums- und Transformationsphasen. Doch wenn auch der Prozess der Individuation praktisch nie abgeschlossen ist, so fördert eine ganzheitliche Horoskopdeutung stets die Integration möglichst aller Horoskopfaktoren, durchaus auch in Randbereichen der reinen Konventionen. Ein guter Teil der modernen (psychologischen) Horoskopdeutung in der astrologischen Beratungspraxis zielt - auch unausgesprochen - genau darauf ab, wesentlich angeregt von Jungs Komplexer Psychologie.



Die Schatten-Theorie in der Komplexen Psychologie behandelt mehrere Schatten-Faktoren und wurde - vereinfacht - wiederum vielfach in die Horoskopdeutung vor allem der Psychologischen Astrologie aufgenommen. Verdrängung von problematischen Persönlichkeitsanteilen und Kindheitserfahrungen einerseits und die Projektion eigener nichtbewusster Eigenheiten und Eigenschaften andererseits auf andere, sind recht geläufige und verbreitete wie hilfreicheSchlagwörter in der modernen Horoskopdeutung, bzw. in der Beratung mit Klienten. Weitere typische Schatten-Faktoren manifestieren sich etwa in Träumen - welche verschlüsselt nichtbewusste Persönlichkeitsteile abbilden - oder in Figuren aus Literatur, Sagen und Mythen wie auch der Geschichte. Verdrängt und abgewehrt werden können übrigens auch Talente und Begabungen, mangels Mut, Selbstvertrauen oder aufgrund der aktuellen Lebensumstände, wegen Rollen- und gesellschaftlicher Konventionen. In der astrologischen Praxis wird man besonders bei älteren Generationen die Erfahrung machen können, dass z. B. die Mond- und Venus-Qualitäten in einem Männer-Horoskop relativ häufig auf die Partnerin projiziert wurden. Umgekehrt gilt gleiches für die Sonnen- und Mars-Qualität in einem Frauen-Horoskop.



Das Modell der Synchronizität - das Eintreffen äußerer Ereignisse nach oder gleichzeitig mit inneren Erlebnissen einer Person, in einem sinnvollen Zusammenhang oder abstrakter: Synchronizität als Prinzip akausaler Zusammenhänge (10) - bezog sich ursprünglich auf die Lebenswelt des einzelnen Menschen. Träumt z. B. eine Person von einer eintreffenden, brieflichen Einladung zu einem Klassentreffen (nach Jahrzehnten ohne Kontakt zu früheren Mitschülern) und am nächsten Morgen erhält sie tatsächlich einen Brief mit Einladung dazu, so liegt ein typischer Fall von Synchronizität vor. Diese Entsprechung zwischen innerem Erleben und äußeren Ereignissen auf menschlicher Ebene wurde ebenfalls in die moderne westliche Astrologie übertragen, besonders auch in das astrologische Wirkungsmodell. So entstand die These, die Astrologie funktioniere tatsächlich nach dem (hermetischen) Analogie-Modell, `wie oben so unten`. Für die individuelle Horoskopdeutung entstand die inzwischen weit verbreitete Theorie, die Horoskop-Planeten entsprächen den inneren Anlagen und Entwicklungen und danach oder zeitgleich sinnvoll zugeordneten äußeren Erlebnissen des Geborenen, sie verursachten diese keinesfalls irgendwie kausal, also physikalisch auf naturwissenschaftlich belegbarer Basis.



C.G. Jung - der große Anreger

Durchaus noch zu Lebzeiten hier und da umstritten, teils als Persönlichkeit wie vor allem als Schöpfer der Komplexen oder Analytischen Psychologie, welcher lange Jahre eine ausreichende "Wissenschaftlichkeit" für die akademische Anerkennung nur teilweise eingeräumt wurde, gewann Jungs geistiges Werk rasch Einfluß auf die Astrologie in Theorie und Praxis, wie oben gezeigt. Sich selbst mit Jung und seinem Werk zu beschäftigen kann fast nur befruchtend wirken, wenn man nicht sowieso Begriffe und Theorien verwendet, ohne immer bemerkt zu haben, dass sie auf C.G. Jung zurückgehen. Jung darf man also mit Fug und Recht als bedeutsamen Anreger für die westliche Astrologie ab dem 20. Jh. bezeichnen.



Anmerkungen:

1) C.G. Jung,Synchronizität, Akausalität und Okkultismus, München 1990; im 2. Teil des Buches wird das statistische Experiment mit den Geburtshoroskopen behandelt.
2) Taeger, Internationales Horoskope-Lexikon, S. 823. Es gibt abweichende Geburtszeitangaben, die meisten bewegen sich um 19h30.
3) Zitiert nach http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPSYCHOLOGIE/PSYCHOLOGEN/Jung.shtml
4) Nach http://www.cgjung-stuttgart.de/, Leben und Werk von C.G. Jung
5) Pongratz, Hauptströmungen der Tiefenpsychologie, Stuttgart 1983, S. 352
6) Pongratz, S. 352
7) Pongratz, S. 353
8) Pongratz, S. 339ff.
9) Pongratz, S. 344- 346
10) C.G. Jung, Synchronizität als Prinzip akausaler Zusammenhänge, 1952 veröffentlicht